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Le­der — Ethisch vertretbar?

Wuss­test du, dass dei­ne Le­der­hand­schu­he aus Hun­de- oder Kat­zen­le­der be­stehen könn­ten? Ja, das hast du rich­tig ge­hört. Es galt im­mer wie­der als Ge­rücht, doch die Tier­rechts-or­ga­ni­sa­ti­on PE­TA (Peo­p­le for Ethi­cal Tre­at­ment of Ani­mals) deck­te im Jahr 2014 auf, dass in Asi­en, vor al­lem Chi­na, Hun­de und Kat­zen für ih­ren Pelz und ihr Le­der ster­ben müssen.

Le­der ist für vie­le Men­schen ein selbst­ver­ständ­li­cher Be­stand­teil ih­res Le­bens. Schu­he, Ta­schen, So­fas und un­zäh­li­ge wei­te­re Pro­duk­te be­stehen aus ver­ar­bei­te­ter Tier­haut. Wir be­zeich­nen Le­der oft­mals als na­tür­li­ches Pro­dukt, wes­halb wir es ger­ne kau­fen. Wie na­tür­lich Le­der je­doch ist und was sich wirk­lich hin­ter die­ser In­dus­trie ver­birgt, er­fährst du jetzt.

Von der ro­hen Tier­haut zum Leder

Star­ten wir mit der Her­stel­lung von Le­der. Wuss­tet du, dass es zwi­schen 40–50 Ar­beits­schrit­te braucht, um ei­ne ro­he Tier­haut in Le­der um­zu­wan­deln? Hört sich gar nicht mehr so na­tür­lich an, nicht wahr? Schau­en wir uns die wich­tigs­ten Her­stel­lungs­schrit­te ge­nau­er an.

Vor­be­rei­tung

Zu­erst muss die Tier­haut ge­wa­schen wer­den, um von Ver­un­rei­ni­gun­gen und Dung be­freit zu wer­den. Da­nach wird die Haut „ge­äschert”, um die Haa­re zu ent­fer­nen und das Kol­la­gen­ge­fü­ge (Struk­tur­pro­te­in der Un­ter­haut) der Haut auf­zu­lo­ckern. Aus­ser­dem wer­den Fleisch, Fett- und Bin­de­ge­we­be­res­te von ei­ner spe­zi­el­len Ma­schi­ne ab­ge­schabt. Zum Schluss wird die Haut durch ver­schie­de­ne Pro­zes­se wie Bei­zen, Ent­käl­ken und Pi­ckeln für die Ger­bung emp­fäng­lich gemacht.

Ger­bung

In die­sem Pro­zess wird die ro­he Tier­haut zu halt­ba­rem Le­der um­ge­wan­delt. Da­bei kom­men un­ter­schied­li­che Me­tho­den zum Ein­satz. Die Ger­bung un­ter­schei­det sich zwi­schen der pflanz­li­chen, mi­ne­ra­li­schen und syn­the­ti­schen, wo­bei ver­schie­de­ne Gerb­mit­teln für die Be­hand­lung der Haut in den Ein­satz kom­men. Bei der pflanz­li­chen Ger­bung wer­den z.B. Gerb­stof­fe aus Ei­chen­rin­de oder Früch­ten ver­wen­det. Bei der Mi­ne­ral­ger­bung sind vor al­lem Chrom- oder Alu­mi­ni­um­sal­ze im Ein­satz. Für die Gerb­vor­gän­ge kom­men heu­te dreh­ba­re Fäs­ser und Trom­meln zum Einsatz.

Nun durch­läuft das durch­ge­gerb­te und ab­ge­press­te Le­der noch ei­ni­ge wei­te­re Ar­beits­schrit­te be­vor es ge­trock­net wird. Wenn es zu dick ist, wird es noch ge­spal­ten, ge­färbt und gefettet.

Trock­nung und Weichmachen

Das ge­gerb­te Le­der wird nun ge­trock­net. Nach die­sem Pro­zess fühlt sich das Le­der steif an, wes­halb es für die ge­wünsch­te Ge­schmei­dig­keit me­cha­nisch be­ar­bei­tet wird.

Zu­rich­tung

Nach all die­sen Ar­beits­schrit­ten wird das Le­der am En­de ent­spre­chend sei­ner Ver­wen­dung zu­ge­rich­tet. Das Le­der er­hält Aus­seh­merk­ma­le, spe­zi­el­le Ef­fek­te und es wer­den schad­haf­te Stel­len ab­ge­deckt. Sind die­se Pro­zes­se er­le­digt, fi­xiert man die Ober­flä­che mit ei­nem was­ser- und fle­cken­ab­wei­sen­den Schutz, um das Le­der für die in­dus­tri­el­le Wei­ter­ver­ar­bei­tung vorzubereiten.

Hört sich für dich die Her­stel­lung bis jetzt noch un­pro­ble­ma­tisch an? Dann liegt dies dar­an, dass die­se Art der Her­stel­lung ein Bei­spiel aus Deutsch­land ist. Wie du dir viel­leicht vor­stel­len kannst, sieht die Her­stel­lung in In­di­en, Chi­na oder Süd­ame­ri­ka et­was an­ders aus. Ma­schi­nen, Si­cher­heits­vor­keh­run­gen, gu­te Ar­beits­be­din­gun­gen und Tier­wohl ha­ben oft­mals we­nig Priorität.

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Ab­bil­dung: Le­der Her­stel­lung in Billigproduzentenländer

Der Preis den die Tie­re für un­ser Le­der bezahlen

Das Le­der­ge­schäft ist das wirt­schaft­lich wich­tigs­te Ne­ben­pro­dukt der Fleisch­in­dus­trie. Wer jetzt denkt, dass Le­der ’nur’ ein Ne­ben­pro­dukt ist und wir da­durch mehr vom ge­schlach­te­ten Tier ver­wer­ten, ver­gisst da­bei das Leid der Tie­re. Aus­ser­dem sind die Fleisch- und Le­der­in­dus­trie eng mit­ein­an­der ver­floch­ten, wo­bei die Ge­win­nung von Le­der die Schlach­tung der Tie­re noch ren­ta­bler macht.

Wenn du dir Kü­he vor­stellst, die mit ih­ren Käl­bern auf gros­sen Wei­den gra­sen, am Abend in ih­ren Stall zu­rück­keh­ren und fried­lich bis zu ih­rem Le­bens­en­de auf dem Hof le­ben dür­fen, dann irrst du dich. Wie be­reits be­schrie­ben, kommt der gröss­te Teil vom Le­der aus dem Aus­land (z.B. Chi­na, In­di­en, Bra­si­li­en). Ge­nau die­se Län­der ach­ten sich eher we­nig auf das Tier­wohl. In Chi­na zum Bei­spiel, gibt es kein aus­ge­ar­bei­te­tes Tier­schutz­ge­setz, wel­ches Tie­re vor Ge­walt oder Grau­sam­kei­ten schützt. So­mit gibt es auch kei­ne Ge­set­ze für den Um­gang mit Nutz­tie­ren, de­ren Hal­tung und die Tötung.

Für die Le­der­her­stel­lung kom­men vie­le ver­schie­de­ne Tier­ar­ten, wie Kü­he, Schwei­ne, exo­ti­sche Tie­re, Hun­de, Kat­zen, Pfer­de, Ro­chen und Kän­gu­rus in Fra­ge. Im nächs­ten Ab­schnitt ge­hen wir auf das Le­ben ei­ni­ger die­ser Tier­ar­ten in der Le­der­in­dus­trie ein. Al­le zu be­schrei­ben, wür­de den Um­fang die­ses Bei­tra­ges sprengen.

Kü­he & Ochsen

Kü­he gel­ten in In­di­en als hei­li­ge Tie­re. Dann soll­ten sich doch auch ein schö­nes Le­ben füh­ren kön­nen, nicht wahr? Nein, denn das Kuh­leid in In­di­en ist sehr gross. Laut PE­TA wer­den jähr­lich un­ge­fähr bis zu zwei Mil­lio­nen Kü­he und Och­sen in In­di­en il­le­gal nach Ban­gla­desch ge­schmug­gelt. Da­bei han­delt es sich um Tie­re, wel­che oh­ne­hin schon ein paar har­te Jah­re hin­ter sich ha­ben. Die Kü­he die­nen vor ih­rer Schlach­tung als Milch­kü­he und le­ben in dre­cki­gen und en­gen Be­trie­ben. Sie ver­let­zen sich und blei­ben un­be­han­delt. Die Och­sen hin­ge­gen ar­bei­ten auf dem Feld, bis sie zu alt wer­den oder die ge­woll­te Leis­tung nicht mehr er­brin­gen kön­nen. Nach die­sem Le­ben be­ginnt die letz­te Rei­se für sie. 

Die Tie­re wer­den ge­fes­selt und auf ei­ner klei­nen La­de­flä­chen über­ein­an­der­ge­wor­fen. Mit dem Schiff oder dem LKW be­ginnt der Trans­port, der meh­re­re Ta­ge dau­ern kann. In die­ser Zeit sind die Tie­re sich selbst über­las­sen, meis­tens oh­ne Was­ser und Nah­rung, bei heis­sen Tem­pe­ra­tu­ren. Da die Trans­por­te über­la­den sind, zie­hen sich die Tie­re mit ih­ren Hör­ner teil­wei­se schwe­re Ver­let­zun­gen zu. Sie kom­men nach tau­sen­den von Ki­lo­me­tern oft­mals er­schöpft, ab­ge­ma­gert, mit of­fe­nen Wun­den, teils ge­bro­che­nen Schwän­zen und Bei­nen oder be­reits tot an.

In den mus­li­mi­schen Län­dern tö­ten sie die Tie­re mehr­heit­lich tra­di­tio­nell oh­ne Be­täu­bung. Statt ei­nes schmerz­lo­sen und kur­zen Tods, wird ih­nen mit ei­nem Mes­ser die Keh­le (in den meis­ten Län­dern Eu­ro­pas ist die­se Pra­xis ver­bo­ten) durch­ge­schnit­ten. Die Tie­re ver­blu­ten da­bei lang­sam und qualvoll.

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Abb. 3: Och­sen und Kü­he bei der Verladung

Exo­ti­sche Tiere

Kro­ko­di­le, Schlan­gen, Ech­sen und an­de­re Wild­tie­re wer­den für Ac­ces­soires wie Hand­ta­schen und Uh­ren­arm­bän­der ge­tö­tet. Sie le­ben ent­we­der un­ter schlech­ten Be­din­gun­gen auf Far­men oder stam­men aus wil­der Freibahn. 

Bei­spiels­wei­se wer­den Py­thons seit mehr als 50 Jah­ren für die Le­der­in­dus­trie in Asi­en und Eu­ro­pa ge­nutzt. Die Py­thon­haut, die du in ei­nem in­do­ne­si­schen Dorf für 30 US-Dol­lar kau­fen könn­test, kann als Hand­ta­sche in ita­lie­ni­schen und fran­zö­si­schen Mo­de­häu­sern bis zu 15’000 US-Dol­lar einbringen.

Die meist­ge­han­del­te Art in Süd­ost­asi­en ist der Netz­py­thon, wo­bei jähr­lich 340’000 Häu­te ver­ar­bei­tet wer­den. Von al­len Schlan­gen­häu­ten wer­den wahr­schein­lich gleich vie­le Häu­te il­le­gal wie le­gal ge­han­delt. Vor dem Ex­port der Häu­te mi­schen sie il­le­gal ‘be­schaf­fe­ne Häu­te’ un­ter die ‘le­gal be­schaf­fe­nen’ Häu­ten gemischt.

Kro­ko­di­le und Al­li­ga­to­ren wer­den für Schu­he und Hand­ta­schen ge­züch­tet und ge­tö­tet. Die Zucht von Kro­ko­di­len so­wie das Ein­sam­meln von Ei­ern aus der Wild­nis ist in Aus­tra­li­en le­gal, was für die Tie­re viel Leid be­deu­tet. Sie le­ben in klei­nen Ge­he­gen, in wel­chen sie ih­re Be­dürf­nis­se kaum aus­le­ben kön­nen. Sie ver­let­zen sich ge­gen­sei­tig, ent­wi­ckeln De­for­ma­tio­nen, da sie z.B. nicht lau­fen oder schwim­men kön­nen und ster­ben nach 2–3 Jah­ren für ih­re Haut. In frei­er Wild­bahn hin­ge­gen wer­den sie bis zu 70 Jah­re alt. 

Um die Tie­re zu tö­ten, wer­den oft­mals Äx­te und Schlä­ger ein­ge­setzt, oder der Na­cken wird auf­ge­schnit­ten, um ih­nen das Rü­cken­mark mit ei­nem dün­nen Me­tall­stab aus dem Kör­per zu ent­neh­men. Dies be­deu­tet für Kro­ko­di­le ei­nen lang­sa­men und qual­vol­len Tod. Ei­ni­ge Kro­ko­di­le wer­den so­gar le­ben­dig gehäutet.

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Abb. 4: Ein Kro­ko­dil wird für sei­ne Haut getötet.

Hun­de

Im Jahr 2014 war es PE­TA erst­mals mög­lich über ei­ne Hun­de­le­der-Ma­nu­fak­tur in Chi­na zu do­ku­men­tie­ren. Der Au­gen­zeu­ge konn­te mit dem Be­sit­zer der Fa­brik spre­chen. Laut Be­sit­zer hat­te er zum da­ma­li­gen Zeit­punkt ca. 30’000 Stü­cke halb­ver­ar­bei­te­tes Le­der auf La­ger. Aus die­sem Le­der ent­ste­hen Da­men­hand­schu­he, die über­all auf der Welt zu fin­den sind. 

In der Pro­vinz Jiangsu konn­ten Vi­deo­auf­nah­men von der Schlach­tung von Hun­den ge­macht wer­den. Im Schlacht­haus be­fan­den sich zu die­sem Zeit­punkt et­wa 300 le­ben­de Hun­de, die al­le auf ih­re Tö­tung war­te­ten. Laut ei­nem Mit­ar­bei­ter hal­ten sie in die­ser Ein­rich­tung täg­lich 100–200 Hun­de. Sie le­ben in über­füll­ten Auf­be­wah­rungs­kam­mern, bis die Mit­ar­bei­ten­den der Ein­rich­tung sie für ih­re Haut töten.

Hundeleder
Abb. 5: Zwei Hun­de auf dem Weg zum Schlachthaus.

Ob­wohl der Gross­teil des Le­ders von Rin­dern, Scha­fen und Schwei­nen stammt, kann Hun­de­le­der in Pro­duk­ten eben­falls vor­kom­men. Jetzt denkst du wahr­schein­lich, dass bei uns in Eu­ro­pa kein Hun­de­le­der in den Lä­den vor­kommt. Falsch. In Eu­ro­pa gilt ein Ver­bot der Ein- und Aus­fuhr von Kat­zen- und Hun­de­fel­len so­wie von Pro­duk­ten, die sol­che Fel­le ent­hal­ten. Tier­häu­te sind un­lo­gi­scher Wei­se dar­in nicht ein­ge­schlos­sen (Ver­ord­nung des Eu­ro­päi­schen Parlaments).

Tie­re, die in­di­rekt von der Le­der­in­dus­trie be­trof­fen sind

Nebst all den Tie­ren, die für ih­re Häu­te ster­ben, sind in­di­rekt auch vie­le wei­te­re Tie­re von der Le­der­in­dus­trie be­trof­fen. Für die Hal­tung von Rin­dern wird Re­gen­wald für Wei­den ab­ge­holzt, was den na­tür­li­chen Le­bens­raum un­zäh­li­ger Tier­ar­ten zer­stört. Durch das che­mi­sche Ab­was­ser wer­den Ge­wäs­ser ver­seucht und so­mit das Le­ben dar­in ausgelöscht. 

Jetzt liegt die Ent­schei­dung in dei­ner Hand. Möch­test du mit die­sem Wis­sen wei­ter­hin Le­der­pro­duk­te kau­fen oder ver­zich­test du lie­ber dar­auf? Du kannst dich selbst fra­gen, ob du z.B. neue Le­der­hand­schu­he trotz­dem kau­fen wür­dest, wenn du wüss­test, dass sie aus Hun­de- oder Kat­zen­le­der be­stehen. Wenn dei­ne Ant­wort nein lau­tet, soll­te es aus ethi­scher Sicht auch bei Rinds- oder Schwei­ne­le­der die glei­che Ant­wort sein.

Und falls du dir nach die­sem Blog­bei­trag Ge­dan­ken zu Le­der­pro­duk­ten machst, kannst du dich freu­en, denn es gibt heut­zu­ta­ge un­zäh­li­ge Al­ter­na­ti­ven. Die­se möch­ten wir ger­ne im nächs­ten Blog­bei­trag ge­nau­er an­schau­en. Bei Fra­gen oder Un­klar­hei­ten, kannst du uns ger­ne ei­nen Kom­men­tar hinterlassen.

Quel­len­ver­zeich­nis

Dr. S. Ra­ja­ma­ni. Via­ble en­vi­ron­men­tal tech­no­lo­gies in­te­gra­ted wi­th clea­ner pro­duc­tion sus­tainable op­ti­ons for glo­bal Lea­ther sector.

In­ter­na­tio­nal Trade Cen­ter. The trade in south-east Asi­an Py­thon Skins.

Hye Jung Jung & Ky­ung Wha Oh. (2019). Ex­plo­ring the Sus­taina­bi­li­ty Con­cepts Re­gar­ding Lea­ther Ap­pa­rel in Chi­na and South Korea.

Le­der­pfle­ge. Wie wird Le­der hergestellt?

PE­TA. (2020). Lei­den für Le­der – Tier­qual und Kin­der­ar­beit in Bangladesch.

PE­TA. (2020). China’s Hun­de­le­der Industrie.

Ab­bil­dungs­ver­zeich­nis

Abb. 1: Deutsch­land­funk­no­va. Le­der — Un­fai­re Bedingungen.

Abb. 2: Kwer­feld­ein. Hei­li­ges Leder.

Abb. 3: Netz­frau­en. Schreck­li­che Auf­nah­men aus der Le­der­in­dus­trie zei­gen – Tie­re wer­den le­bend ge­häu­tet und ih­re Bei­ne abgehackt.

Abb. 4: PE­TA. Exo­ten­le­der: Das Leid hin­ter Krokodil‑, Schlan­gen­le­der & Co. 

Abb. 5: Rotorman’s Blog. Echt­le­der­pro­duk­te auf die Black-List! Chi­na schlach­tet Mio. Hun­de für un­se­ren Komfort.

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